Longevity und ein Tag auf dem Camino Francés

Hontanas - Itero del Castillo ca. 18 km

Es war kurz nach 8 Uhr morgens, als ich meine Unterkunft verließ und auf die Straße trat. Die Sonne stand bereits am Himmel und begrüßte die Pilger mit einem goldfarbenen Morgenlicht am Horizont.

Meine Beine fühlten sich noch schwer an vom gestrigen Marsch. Die 33 Kilometer, die ich am Tag zuvor von Burgos über die endlosen Feldwege der Meseta bis nach Hontanas gegangen war, machten sich nun bemerkbar. Solche Muskelschmerzen kannte ich bis dahin nicht.

Mit dem Rucksack auf dem Rücken, den gelben Pfeilen folgend, zog ich los. Ich atmete die frische, klare Morgenluft mehrmals tief ein und aus, lauschte dem Plätschern des kleinen Baches am Wegesrand und als ich plötzlich einen Kuckuck rufen hörte, lächelte ich. In diesem Moment war ich einfach nur glücklich.

Gut gelaunt ging ich entlang endloser Felder. In der Ferne erblickte ich die Türme einer vermeintlichen Kirche. Doch wie ich näherkam, stand auf einem großen Schild, dass es sich um die Klosterruine von San Antón handelte. Für viele Pilger sicherlich ein ungewohnter Anblick: Eine Landstraße, die direkt durch die hohen Bögen der Ruine führte.

Langsam machte sich mein Magen bemerkbar. Kein Wunder, es war fast 10 Uhr. In Castrojeriz angekommen, gönnte ich mir ein spanisches Frühstück: frisch gepresster Orangensaft, ein Kaffee solo und ein Stück Tortilla. Herrlich. In der Bar lief der Fernseher und der Nachrichtensprecher berichtete von dem landesweiten Stromausfall, der Tage zuvor große Teile der iberischen Halbinsel stillgelegt hatte. Ich verstand zwar nur ein paar einzelne Worte, doch die Bilder sagten mehr als 1000 Worte.

Gestärkt setzte ich meinen Weg fort. Vor mir lag der Teso de Mostelares, ein Anstieg von rund 1,7 Kilometern mit einer durchschnittlichen Steigung von fast zehn Prozent. Am Fuß des Berges sagte ich laut zu mir selbst: „Auf geht’s.“ Es war niemand in der Nähe, mit dem ich hätte sprechen können.

Oben angekommen war ich verschwitzt, aber der Blick über die weite Ebene unter mir war atemberaubend schön. Ich setzte mich an einen Busch, einer der wenigen schattigen Plätze auf der Hochebene. Plötzlich hörte ich überall Vögel zwitschern. Ein leichter Wind zog über die Meseta.

Ich schloss meine Augen und blieb ein paar Minuten einfach sitzen. Lauschte den Geräuschen. Spürte meinen Atem. Ich war ganz bei mir. Einfach Sein.

In diesem Moment wurde mir etwas sehr klar:

Der Camino hat nichts mit höher, schneller, weiter zu tun. Es geht nicht darum, den Körper zu überlisten oder zu optimieren, sondern dem Körper zuzuhören. Ihm Bewegung zu schenken und ihm genauso bewusst Pausen zu erlauben. In der Natur zu sein, den Atem zu spüren, das Nervensystem zur Ruhe kommen lassen.

Nach einer Weile machte ich mich wieder auf den Weg. In Itero del Castillo angekommen, ging ich in die einzige geöffnete Herberge des kleinen Ortes. Außer den Herbergsbetreibern, die gleichzeitig die einzige Bar führten, begegnete ich kaum Menschen auf der Straße.

Die Unterkunft war einfach und sauber. Von den zehn Betten waren nur vier belegt. Mit mir waren es fünf. Gut, dachte ich mir, dass erhöht die Chancen auf eine ruhige Nacht.

Beim Abendessen in der Dorfkneipe traf unsere kleine Pilgergruppe zum ersten Mal bewusst aufeinander. Jeder stellte sich kurz vor: Roberto aus Mexiko-Stadt, Paolo aus Madrid, ein Ehepaar aus Toulouse – Martina und Jean und ich, Claudia aus Köln. Das Faszinierende war, dass keiner von uns dieselbe Sprache sprach und wir uns trotzdem nach kurzer Zeit wunderbar verständigen konnten. Die anfängliche Stille wich einem offenen, lebendigen Gespräch. Wir lachten viel, tauschten unsere Erlebnisse aus und stellten uns schließlich die Frage der Fragen:
„Was hat dich auf den Camino geführt?“

Zwischendurch dachte ich nur: Wow. Fünf Menschen. Vier Nationalitäten. Ein Tisch.
Und eine gemeinsame Freude darüber, diesen Weg gehen zu dürfen.

Später, als ich in meinem Doppelstock Bett lag, dachte ich an meine Familie zu Hause. Ein leises Gefühl von Wehmut stieg in mir auf- und gleichzeitig tiefe Dankbarkeit.

Was habe ich an diesem Tag gelernt?

Der Weg verbindet Menschen. Unabhängig davon, woher sie kommen oder welche Sprache sie sprechen.
Und vielleicht ist Longevity genau das: den Mut zu haben, sich auf den eigenen Weg zu machen. Schritt für Schritt. Im eigenen Tempo.


Mit der Bereitschaft, dem eigenen Körper und dem Leben wieder zuzuhören.

An diesem Tag auf der Meseta habe ich nicht „trainiert“. Ich habe gelebt. Und genau darin liegt für mich die Essenz von Langlebigkeit.

In meiner Arbeit begleite ich Frauen dabei, genau diese Verbindung im Alltag wiederzufinden, jenseits von Leistungsdruck und festen Programmen.

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Warum mentale Gesundheit allein nicht ausreicht

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Longevity und Kollagen.